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Die Medizin muss im Mittelpunkt stehen

(22.12.2025)

Abschiedsinterview mit dem Ärztlichen Direktor Dr. Detlef Schoenen über seinen beruflichen Traum, Strukturwandel und die Zukunft, der zum 31.12.2025 in den Ruhestand geht. 

Vom Belegkrankenhaus zum modernen zentralen Medizinversorger: Der langjährige Chefarzt und Ärztliche Direktor Dr. Detlef Schoenen blickt auf über zwei Jahrzehnte am Krankenhaus St. Barbara Schwandorf zurück. Zum Abschied spricht er über Anfänge, Strukturwandel und Spezialisierung, über stille Führungsarbeit, Bombenfund und Pandemie. Aber auch darüber, wie man seinen beruflichen Traum lebt, ohne den Patienten aus dem Blick zu verlieren und nicht zuletzt über die Freiheit, den richtigen Zeitpunkt für den Abschied selbst zu wählen.

Herr Dr. Schoenen, können Sie sich noch an den Anfang Ihrer Tätigkeit in Schwandorf erinnern?
Dr. Schoenen: Als ich 2004 aus Remscheid nach Schwandorf kam, war das Krankenhaus St. Barbara ein Belegarztkrankenhaus mit einzelnen Hauptabteilungen unter der Trägerschaft der Niederbronner Schwestern. Es gab ein eigenes Labor, eine Intensivstation, ein CT und ein MRT im Haus. Neben den Belegabteilungen bestanden eine chirurgische und eine anästhesiologische Abteilung. Die Struktur war nicht mehr ganz zeitgemäß, gleichzeitig aber geprägt von großer Nähe zu den Patientinnen und Patienten. Genau dieser Rahmen bot aus meiner Sicht gute Voraussetzungen für eine zukunftsfähige Krankenhausentwicklung.

Welche medizinischen oder strukturellen Entwicklungen der vergangenen Jahre waren für Sie die wichtigsten Eckpfeiler der Zukunftsfähigkeit des Hauses?
Dr. Schoenen: Um nur einige Meilensteine zu nennen: die Umwandlung der Belegabteilung Innere Medizin in die Hauptabteilungen Kardiologie und Gastroenterologie sowie die Implementierung der Diabetologie; der Wechsel der Trägerschaft von den Niederbronner Schwestern zu den Barmherzigen Brüdern; der Neubau der Zentralsterilisation; die Inbetriebnahme eines Herzkathetermessplatzes mit einer 24/7-Herzinfarktversorgung; die OP-Erweiterung und die Modernisierung des Aufwachraums; der Anbau mit 60 Betten in qualitativ hochwertigen Zimmern sowie einer MVZ-Praxis im Erdgeschoss. Hinzu kamen der Krankenhauserweiterungsneubau mit neuer Intensivstation, Geriatrieabteilung, neuem Labor und Komfortstation, der anschließende Strukturwandel mit dem Ausbau der Radiologie, die Konzentration planbarer Eingriffe in einer eigenen Einheit – der Zentralen elektiven Aufnahme –, die Etablierung der Notaufnahme in der gehobenen Notfallversorgungsstufe 2, der Ausbau der Schlaganfallversorgung mit dem Eintritt in das TEMPiS-Netzwerk, die Implementierung der Neurochirurgie, ein strukturiertes Belegungsmanagement zur Ressourcenoptimierung sowie die fortschreitende Digitalisierung des medizinischen Alltags. Um nur einiges zu nennen.

Was hat Sie in Ihrer Laufbahn am meisten beeindruckt?
Dr. Schoenen: Beeindruckt hat mich, wie viel Veränderung ein Krankenhaus aushält, wenn die Richtung klar ist und man die Menschen mitnimmt. Wir haben erlebt, wie aus einem Belegkrankenhaus Schritt für Schritt ein moderner medizinischer Zentralversorger geworden ist. Der Fund einer Fliegerbombe aus dem Zweiten Weltkrieg während der Vorbereitung des Neubaus hat uns enorm gefordert. Innerhalb kürzester Zeit musste das komplette Krankenhaus evakuiert werden. Das war ein großer Kraftakt für alle Beteiligten. Ganz besonders prägend war die Corona-Pandemie, eine „verdammt harte Zeit“. In dieser Phase haben wir täglich versucht, das Beste aus der Situation zu machen, voneinander zu lernen und uns mit anderen zu vernetzen – medizinisch, organisatorisch und menschlich. In all diesen Situationen hat mir eine Mischung aus Sachlichkeit, Strategie und Pragmatismus geholfen.

Sie gelten als jemand, der das Krankenhaus entscheidend mitgeprägt und Qualität wie Patientensicherheit konsequent priorisiert hat. Was war Ihr zentrales Leitmotiv und was wird im Versorgungsalltag heute vielleicht unterschätzt?
Dr. Schoenen: Mein Leitmotiv war immer: „Behandle jeden Patienten so, wie du selbst behandelt werden möchtest.“ Das klingt banal, ist aber ein sehr anspruchsvoller Maßstab. Aus dieser Haltung wird schnell klar, dass Qualität und Sicherheit nicht verhandelbar sind. Im Alltag wird häufig unterschätzt, wie sehr Patientensicherheit von unspektakulären Dingen abhängt: von klaren Standards, definierten Abläufen, einer gelebten Fehlerkultur und strukturierten Fallbesprechungen. Das wird mitunter als Bürokratie wahrgenommen, ist in Wahrheit aber ein wichtiges Sicherheitsnetz. Für Patientinnen und Patienten ebenso wie für Mitarbeitende. Oft unterschätzt wird aber auch die soziale Dimension. Wir achten zurecht auf Verweildauern und Wirtschaftlichkeit, dürfen aber nie vergessen, dass hinter jeder Fallnummer ein Mensch mit einer eigenen Lebensgeschichte steht. Für mich war immer klar: Die Medizin muss im Mittelpunkt stehen.

Worauf haben Sie bei der Patientenversorgung stets besonderen Wert gelegt?
Dr. Schoenen: Am wichtigsten war mir, dass sich die Menschen bei uns sicher, ernst genommen und gut aufgehoben fühlen. Mit rund 130.000 Einwohnern und Einwohnerinnen im Landkreis Schwandorf ist das Krankenhaus St. Barbara für viele Familien ein zentraler medizinischer Anlaufpunkt. Diese Dimension macht die Verantwortung deutlich, die ein Krankenhaus vor Ort trägt. Es geht dabei nicht nur um fachliche Qualität, sondern auch um die Art, wie wir mit Menschen umgehen: wie wir erklären, zuhören und Entscheidungen gemeinsam treffen. Der Satz „Mein bester Freund ist mein Patient“ war für mich nie ein Slogan, sondern ein Maßstab für mein Handeln mit dem Ziel, verlässliche und gute Medizin zu machen.

Ihr Umfeld sagt, Ihre ruhige und klare Art habe die Abteilung geprägt. Welches Führungsverständnis hat Sie geleitet?
Dr. Schoenen: Ich habe Führung nie als Bühne verstanden, sondern als Dienstleistung für die Abteilung. Eine Klinik braucht klare Rahmenbedingungen, und es muss immer jemanden geben, der Entscheidungen trifft. Führung heißt für mich, Vorgaben und Regeln zu definieren, zugleich aber Freiräume für Mitarbeitende zu lassen. Mein Wunsch war immer, dass die Abteilung auch dann gut funktioniert, wenn der Chefarzt nicht da ist. Deshalb habe ich großen Wert auf eigenständiges und verantwortungsvolles Handeln gelegt. Und ich bleibe dabei: Man sollte sich selbst nicht zu wichtig nehmen. Am Ende steht und fällt alles mit dem Team. Ich habe mich eher als zentrales Zahnrad in einem großen Räderwerk verstanden.

Was geben Sie jungen Ärztinnen und Ärzten heute als wichtigste berufliche Haltung mit?
Dr. Schoenen: Jungen Kolleginnen und Kollegen würde ich vor allem drei Dinge mitgeben. Erstens: Lernt das Handwerk. Bevor man sich mit Karriere, Titeln oder Strukturen beschäftigt, muss die Basis stimmen. Zweitens: Bleibt neugierig. Die Medizin entwickelt sich rasant. Wer aufhört zu lernen, bleibt stehen. Drittens: Fragt euch immer wieder, warum ihr diesen Beruf gewählt habt. Wenn man den ursprünglichen Antrieb aus den Augen verliert, gerät man im Alltag leicht in Schieflage. Es lohnt sich, immer wieder zur Ausgangsfrage zurückzukehren: Warum mache ich das eigentlich?

Was nehmen Sie persönlich aus dieser intensiven Phase Ihres Berufslebens mit?
Dr. Schoenen: Die ehrliche Antwort lautet: alles. Ich hatte kein zweites Leben nebenher. Meine Arbeit in Schwandorf hat mir die Möglichkeit gegeben, meinen beruflichen Traum zu leben – mit allen Höhen und Tiefen, Erfolgen und Rückschlägen. Ich habe diese Aufgabe immer als Gabe empfunden und versucht, ihr ehrlich und aufrichtig zu begegnen. Für mich war es wichtig, den Zeitpunkt des beruflichen Endes selbst bestimmen zu können. In einer Phase, in der ich meinen Beruf noch gerne ausübe und nicht ausgebrannt bin. Nun freue ich mich darauf, mehr Zeit mit meiner Familie zu verbringen, die in den vergangenen Jahrzehnten oft zurückstecken musste. Ohne ihre Unterstützung im Hintergrund wäre vieles nicht möglich gewesen. Wenn ich meine Zeit hier in einem Satz zusammenfassen müsste, dann wäre es dieser: Ich durfte meinen Traum leben und ein Krankenhaus mitgestalten, das zu einem Zuhause geworden ist. Das Rheinland bleibt meine Heimat, doch St. Barbara, die Kolleginnen und Kollegen aller Bereiche, die Ordensgemeinschaft und die Menschen in Schwandorf sind ebenfalls zu einem Zuhause auf Dauer geworden. Ich gehe in tiefer Verbundenheit und wechsle in die Rolle des interessierten Beobachters. Und der optimistische Rheinländer in mir sagt: Keine Sorge! Ihr werdet die kommenden Herausforderungen mit Erfolg meistern.